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Hervorgehoben I

Halb heimisch, halb fremd

Sie kennt das Gefühl der Zerrissenheit. Barbara Coudenhove-Kalergi, ehemalige Osteuropa-Korrespondentin des ORF, musste als Kind aus ihrer Heimatstadt Prag flüchten und sich eine neue Heimat suchen. Im Apropos-Gespräch erzählt sie, warum sie sich als geborene Aristokratin immer weiter nach links entwickelt hat, warum sie mit einem schlechten Gewissen an manchen Bettlern vorbeigeht und warum tschetschenische Krieger perfekte Gentlemen sind.


Am 8. Mai 1945 wurden Sie als 13-Jährige gemeinsam mit Ihrer Familie aus Prag vertrieben, weil Sie Deutsche waren. Denken Sie jeden Mai an dieses Datum?

Dass man seine Heimat mehr oder minder für immer verlässt, ist schon eine Zäsur, die für immer im Gedächtnis bleibt. Ich mache aber kein großes Aufsehen damit und meine Familie auch nicht. Jahrzehnte nach unserer Vertreibung waren wir wegen der Taufe eines Neffen sogar im Schloss meiner Großeltern in Böhmen, das nun ein Museum ist.

Als Kinder waren meine Brüder und ich während der Ferien immer im großelterlichen Schloss. Als wir dann Jahre später anlässlich der Taufe wieder dort waren, hatten wir ein sehr fröhliches, angenehmes Mittagessen inklusive einer Führung durch das Schloss. Auf einem Schreibtisch meines Großvaters lag eine Karte, die meine damals zehnjährige Mutter an ihre Großmutter geschrieben hatte. Darin bedankte sie sich, dass die Großi den Kindern eine Reise nach Prag spendiert hatte. Auf der Karte war ein Stempel drauf: „Eigentum der staatlichen, tschechischen Schlösserverwaltung.“ Da hab ich mir gedacht: „Also Freunde, das ist jetzt nicht mehr Eigentum der staatlichen, tschechischen Schlösserverwaltung. Das nehm’ ich jetzt einfach mit“ – und die Fremdenführerin hat diskret zur Seite geschaut.


In Ihrem Buch „Zuhause ist überall“ schreiben Sie, dass Ihre Mutter keine „halben Sachen“ machte. Haben Sie das von ihr geerbt?

Ich glaube, wenn man jung ist, will man ganz anders sein als seine Mutter, und wenn man älter wird, sieht man, dass man sehr wohl so ist oder so wird wie die Mutter. Sei es Kino, Theater oder bei einer Gesellschaft – immer wenn sie gefunden hat, es reicht oder es ist fad, ist sie einfach weggegangen. Das habe ich sicher von meiner Mutter übernommen.


Als Sie in den 60er-Jahren das erste Mal wieder ihre Füße auf Prager Boden gesetzt haben, spielten Sie abwechselnd „heimisch“ und „fremd“, wie Sie in „Zuhause ist überall“ schreiben. Wo finden Sie heute Ihre Heimat?

Für mich sind sowohl die Stadt Prag wie auch die Stadt Wien meine Heimat. Allerdings ist das ein längerer Prozess, bis man sagt: „Man ist an mehr als an einem Ort zuhause.“ Aber diese Erfahrung ist für Millionen Menschen heutzutage nicht die Ausnahme, sondern die Realität.


Wie lange hat dieser Prozess für Sie gedauert?

Bis man sich in einem fremden Land heimisch fühlt, dauert das seine Zeit, das geht nicht von heute auf morgen. Ich unterrichte Asylwerber in der deutschen Sprache. Einer der Gründe, warum ich das mache, sind meine eigenen Erfahrungen als Flüchtling. Ich frage mich oft: Wie kann man von Leuten, die von noch viel weiter herkommen als ich, erwarten, dass sie von heute auf morgen hundertprozentige Österreicher werden? Das finde ich nicht fair und das geht auch nicht. Man darf, kann und soll seine Wurzeln und seine Sprache behalten dürfen, auch wenn man woanders wohnt.


Wer weiß, wie heute, in Zeiten des allgemeinen Wohlstands, mit Flüchtlingen und Zuwanderern umgegangen wird, muss rückblickend staunen über die Gelassenheit, mit der die Einheimischen damals auf die Fremden reagiert haben“, schreiben Sie über Ihre positiven Erfahrungen als Flüchtlingskind in Bayern und Österreich. Sie haben sich dann später mit zahlreichen Aktionen gegen Ausländerfeindlichkeit in der Öffentlichkeit stark gemacht, bei der Caritas und als Auslands-Korrespondentin gearbeitet und unterrichten nun Deutsch als Fremdsprache. Ist das Thema „Fremdheit“ die Antriebsfeder Ihres Wirkens?

Es gibt nicht nur eine Antriebsfeder. Aber eine Motivation war sicher, dass ich eine große Wut hatte, wie wir mit jenen Leuten umgehen, die flüchten mussten. Ich hab mir gedacht: Man kann nicht nur einfach schimpfen, wenn einem etwas nicht passt, man muss auch was tun. Ich habe daher unter anderem eine Ausbildung zur Lehrerin in Deutsch als Zweitsprache gemacht und unterrichte nun im dritten Jahr.


Wir haben seit eineinhalb Jahren einen Sprachkurs für unsere migrantischen Straßenzeitungsverkäufer. Sie bringen der Sprachkurs-Leiterin Geschenke mit, wollen sich vorher immer duschen, um ihr Reverenz zu erweisen. Fällt Ihnen in Ihren Sprachkursen auch eine solche Herzlichkeit und Freude darüber auf, dass Sie für sie da sind?

In vielen Kulturen ist der Lehrer oder die Lehrerin eine wichtige Person. Ich bekomme auch oft Geschenke, Blumen oder Selbstgebackenes von Leuten, die selber nichts haben. Das empfinde ich immer als sehr lieb und rührend. Bevor ich unterrichtet habe, habe ich manchmal gehört, dass sich Männer aus anderen Kulturen von einer Frau nichts sagen lassen. Diese Erfahrung habe ich überhaupt nicht gemacht, aber das kommt wahrscheinlich daher, dass ich alt bin (lacht) und dass man sich von der Mama und der Oma schon was sagen lässt. Ich kann nur sagen: Tschetschenische Krieger sind perfekte Gentlemen im Deutschkurs.

 

Sie waren selbst in der Situation, aus Ihrer Heimat zu flüchten und um ein Bett und ein Stück Brot betteln zu müssen. Ihre Flucht bezeichnen Sie als „Bettlermarsch“. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach Verständnis für die Situation aktueller Bettler schaffen?

Wir hatten buchstäblich nichts als das, was wir am Leib hatten. Mein Vater hatte seine Brieftasche abgeben müssen. Nur ich hatte als Einzige aus unserer Familie ein Taschenmesser und eine Wolldecke eingesteckt. Auf diese Weise sind wir von Prag bis ins Salzburgische zu Fuß gewandert. Die Leute waren damals ungemein freundlich, obwohl sie selber sehr viel ärmer waren als heute.

Die Situation heute ist anders schwierig. Bettler sind ein Problem in allen europäischen Städten. Dort, wo ich in Wien wohne, gibt es eine regelrechte Bettlermeile. Ich habe immer eine Münze in der Tasche eingesteckt und ein Einziger bekommt sie dann. An den anderen mag ich jedoch nicht vorbeigehen, weil wir als Kinder gelernt haben, dass man an einem Bettler nicht vorbeigeht, ohne ihm was zu geben. Daher veranstalte ich mit schlechtem Gewissen einen Slalom von einer Straßenseite auf die andere.

Ich weiß: Der Anblick von Elend ist für jeden Menschen eine Herausforderung. Ich finde es jedoch schlecht, diese armen Leute zu kriminalisieren, indem man sagt: „Die haben eh genug Geld, das bekommt alles der Bettler-Boss“, statt dass man ehrlich zugibt: „Ich mag einfach nichts geben.“


Sie kommen aus einem aristokratischen Haus und haben sich im Laufe Ihres Lebens immer weiter nach „links“ hin entwickelt, wenn man Ihre beruflichen Stationen und Ihre Ehe mit dem Kommunisten Franz Marek betrachtet. Während Ihrer Zeit bei der Arbeiterzeitung wurden Sie scherzhaft als „rote Gräfin“ bezeichnet. Eine doch eher ungewöhnliche Entwicklung ...

Die Entwicklung war gar nicht so ungewöhnlich, weil die 60er-Jahre eine Zeit waren, in der sich viele gewünscht haben, dass es im Westen mehr soziale Gerechtigkeit geben sollte und im Osten mehr Demokratie. So entstand im Westen eine linksgestrickte Studentenbewegung und im Osten mit dem Prager Frühling 1968 eine Demokratiebewegung, wo beides ein bisschen zusammengekommen ist und mich natürlich geprägt hat. Während meines Studiums habe ich auch bei der Caritas gearbeitet und mich immer gefragt: „Wie kann es sein, dass die einen arm und die anderen reich sind?“


Welchen Wunsch haben Sie für die Jetzt-Zeit?

Dass dieses schreckliche Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich aufhört! Die einen wissen nicht, was sie mit ihren Milliarden machen sollen, die anderen nicht, wie sie sich die Miete leisten können. Ich würde mir wünschen, dass sich diese Schere wieder ein bisschen schließt und dass wir eine Gesellschaft haben, wo alle halbwegs ordentlich und menschenwürdig leben können.


Text & Foto: Michaela Gründler