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Hervorgehoben I

„Von Süchten und innerer (un-)Freiheit“

Der Weg hinein geht oft rasch und ungeahnt vonstatten, der Weg hinaus gestaltet sich dafür umso schwieriger: Das Thema Sucht ist für sehr viele Menschen in Österreich und auf der Welt ein vertrautes. Reinhard Haller ist Psychiater und Chefarzt in der „Stiftung Maria Ebene“ in Vorarlberg. Das Thema Sucht begleitet ihn in seinem Arbeitsalltag. Mit uns sprach er über die intensiven Gefühle, die mit Sucht verbunden sind – und wie man von diesen loskommt.

Titelinterview mit Reinhard Haller
von Christine Gnahn

Was bedeutet „intensiv“ für Sie?
Reinhard Haller:
In der Psychiatrie ist es ein großes Problem, Symptome der psychischen Leiden eines Menschen zu quantifizieren und deren Intensität festzustellen. Physisch lässt sich die Körpertemperatur messen, das Gewicht, die Größe des Tumors und so weiter. Doch wie intensiv eine Depression, eine Angst oder Nervosität ist, das lässt sich schwer ermessen und erfassen. Das ist ein schwieriges Problem in der Psychiatrie. Auch im Alltag werden psychische Probleme häufig wesentlich unterschätzt. So sprechen andere von „Kinkerlitzchen“, „der soll sich halt zusammenreißen“, wenn die jeweilige Person in Wahrheit in einer tiefen Depression steckt und diesen Zustand als äußerst intensiv empfindet. Die Depression reißt den Mensch in einer Intensität mit, die nach außen hin oft nicht nachvollziehbar ist. Diese Diskrepanz zwischen dem eigenen Empfinden und den Bewertungen durch die Mitwelt, das fällt mir spontan zum Thema „intensiv“ ein.

Dieses Werten hilft Depressiven vermutlich nicht gerade weiter.
Reinhard Haller:
Nein, natürlich nicht, das kann durchaus als Kränkung empfunden werden. Allgemein spielen Kränkungen eine große Rolle – man glaubt gar nicht, welche intensive Kraft diese auf Menschen haben. In der Medizinausbildung hört man den Begriff „Kränkung“ nicht, aber in der Praxis spielt er eine enorm wichtige Rolle. Das sind oft Kleinigkeiten, die einen Menschen ein Leben lang beschäftigen können. Kränkungen sind nach außen oft nicht sichtbar, doch hinter der Maske der Coolness ist der Mensch zutiefst verletzt. Auch Terrorismus ist meines Erachtens in vielen Fällen durch Kränkung bedingt.

Zum Thema Sucht: Können Sie definieren, was „Sucht“ bedeutet?
Reinhard Haller:
Sucht ist die Krankheit des Nicht-genug-kriegens und des Nicht-aufhören-Könnens. Man verliert jedes Maß und jede Kontrolle. Dabei stellt es natürlich einen Unterschied dar, ob ich Schokolade esse oder mir Heroin spritze. Manche Dinge sind einfach nur Gewohnheiten, die suchtartigen Charakter annehmen. Für eine Sucht ist zum Beispiel typisch, wenn ich reflexartig agiere – das ist ja beispielsweise beim Rauchen gut zu beobachten. Man muss unterscheiden zwischen Haustier-Süchten und Raubtier-Süchten. Haustiersüchte gelten als harmlos und Raubtier-Süchte als zerstörerisch. Es gibt auch Süchte, die sich durchaus positiv äußern können, so zum Beispiel die Sportsucht oder die Arbeitssucht. Allerdings besteht auch hier Behandlungsbedarf, sobald die Sucht aus dem Ruder gerät und die Kontrolle verloren wird.

Gibt es eine Sucht, die nur positiv ist?
Reinhard Haller:
Da fällt mir am ehesten die Sehnsucht ein. Die hat kaum etwas Schlechtes an sich. Sie ist ein intensiver Gefühlszustand, hat keine Nebenwirkungen und regt die Kreativität, mitunter auch zum Aufbruch an. Aber selbst die Sehnsucht kann sich ins Negative verkehren, nämlich dann, wenn sie sich zu einer Depression entwickelt.

Wie viele Menschen leiden nach Ihrer Einschätzung unter Süchten?
Reinhard Haller:
Der Großteil der Menschen hat süchtige Verhaltensweisen, ich spreche immer von etwa 90 Prozent. Das liegt mitunter darin begründet, dass der Mensch ein Wesen ist, das stets nach Routine sucht und Gewohnheiten braucht. Es gibt das treffende Wortspiel der „Flucht in die Sucht“. Wenn das starke Gefühl aufkommt, etwas Kurzfristiges gegen die eigenen Probleme zu unternehmen, dann greift der Mensch mitunter zum Suchtmittel. Stress und Druck, Kränkungen, Konkurrenzkampf, all das spielt eine Rolle. Besonders Alkohol ist in Österreich in nahezu unendlichen Varianten zu billigen Preisen und bei jeder Gelegenheit zu haben. Doch auch Drogen und virtuelle Süchte sind natürlich ein Problem. Grundsätzlich ist das Bedürfnis bei vielen Menschen groß, aus der Routine auszusteigen.

Es geht also darum, durch die Sucht intensiver zu empfinden?
Reinhard Haller:
Ja, viele Süchtige suchen nach einer gewissen Intensität, die sie im Alltag nicht finden können. Man will der Routine und Langeweile etwas entgegensetzen. Es ist ja nicht grundsätzlich schlecht zu sagen, dass man heraustreten und nicht statisch, sondern eben „ekstatisch“ sein möchte. Schlecht ist es, wenn diese Routine nur mit Suchtmitteln durchbrochen wird.  Aber der Wunsch nach intensiven Gefühlen ist natürlich nicht immer der Grund für die Sucht. Viele Menschen versuchen auch, sich mittels ihrer Sucht selbst zu behandeln und zu heilen. Sie versuchen mittels ihrer süchtigen Verhaltensweisen ihre Gefühle von Leere, Angst und Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden.

Kann man Suchtmittel denn als Heilmittel verstehen?
Reinhard Haller:
Fast alle Drogen sind auch Heilmittel. Amphetamine und Opiate sind aus der Medizin nicht wegzudenken. Kokain wird als Lokalanästhetikum bei nahezu jeder Augenoperation verwendet, Opium und seine Geschwister sind bei Herzinfarkten und starken Schmerzen sowie Krebserkrankungen unverzichtbar. Sogar Rattengift und Alkohol können Heilmittel sein. Die Dosis macht das Gift! Ich kann es von daher nicht verstehen, wenn ich junge Menschen sagen höre: „Super, Cannabis ist ja auch ein Heilmittel!“ Alle Drogen sind es. Das Problem der Droge ist ja nicht, dass sie selbst so furchtbar ist, sondern dass der Mensch die Kontrolle über den Genuss dieser verliert. Wer Suchtmittel zu intensiv und in immer kürzeren zeitlichen Abständen konsumiert, hat ein Problem. Cannabis beispielsweise macht friedlich und ruhig – bei intensivem Konsum jedoch zu ruhig, so dass die Motivation, die Herausforderungen des Lebens anzupacken, sinkt. Zudem kann es bei hohem Konsum natürlich auch zu psychotischen Ausprägungen kommen.

Wann beginnt Sucht? Ist schon süchtig, wer jedes Wochenende gewohnheitsmäßig eine halbe Flasche Wein trinkt?
Reinhard Haller:
Das Entscheidende der Sucht ist, ob ich die Kontrolle verliere. Eine Sucht ist es dann, wenn ich nicht mehr Herr beziehungsweise Frau in meinem eigenen Haus bin, sondern die Suchtmittel das Regime an meiner Stelle ergriffen haben. Wer sich vornimmt, „Heute trinke ich ein Achterl“, und dann zwei Flaschen leert, hat die Kontrolle verloren. Wer kontrolliert und bewusst konsumiert – vor allem, aufhören kann! – ist zumeist nicht süchtig. Bei der Alkoholsucht gibt es übrigens zwei verschiedene Ausprägungen: die rauscharme und die rauschartige. Beim rauscharmen Alkoholkonsum wird die jeweilige Person kaum ausfallend, jedoch aber auch nie nüchtern, weil sie stetig Alkohol konsumiert. Beim rauschartigen Alkoholkonsum kann auch einmal ein paar Tage auf Alkohol verzichtet werden – doch sobald wieder zur Flasche gegriffen wird, entwickelt sich das Trinkverhalten unkontrolliert. Das Verlangen „Du musst trinken“ und die Intensität des Verlangens ist in jedem Fall ein typisches Anzeichen einer Sucht.

Ist Alkoholsucht die häufigste Sucht in Österreich?
Reinhard Haller:
Ja. Das liegt daran, dass Alkohol bereits seit der Römerzeit unsere Kulturdroge darstellt. Sie ist gesellschaftlich zugelassen, Bestandteil bei jeder sozialen Begegnung und wird durch eine große Alkoholindustrie vermarktet. Verbunden mit der langen Geschichte des Alkoholkonsums ranken sich um diesen natürlich auch Mythen, die sich in den Köpfen vieler manifestiert haben.

Welche Mythen sind das?
Reinhard Haller:
Beispielsweise, dass Alkohol potenzsteigernd wirke. Wissenschaftlich wurde das längst widerlegt, doch der Mythos bleibt. Auch grundsätzlich wird es als tolles Erlebnis gefeiert, andere „unter den Tisch gesoffen“ und einen Rausch erlebt zu haben. Zudem erzählen sich manche, Alkohol sei gesund für alle möglichen Organe. Das sind alles nur Mittel der Rechtfertigung und Verharmlosung. In meiner Heimat in Vorarlberg ist es beispielsweise üblich, alkoholische Getränke zu verniedlichen, sprachlich zu verkleinern. Statt vom Bier spricht man vom „Bierlein“, statt vom Achtel von einem „Achtele“, statt vom Schnaps vom „Schnäpsle“ und so weiter. Der Alkohol wird so als etwas Kleines und Harmloses dargestellt. Zum Thema Rausch kann man aber nur sagen: Das ist immer schlecht und bringt das Gehirn durcheinander!

Wonach sehnen sich Süchtige?
Reinhard Haller:
Man bekommt von Süchtigen oft die Antwort „weil es so gut schmeckt“ oder „weil es lässig ist“. Da steckt aber natürlich mehr dahinter. Das sind immer psychische Motive: Gefühle der Geborgenheit, Stressfreiheit, die Stärkung des Selbstvertrauens. Tiefenpsychologisch geht es darum, geliebt und akzeptiert zu werden.

Gibt es Süchte, die nicht so bekannt sind wie die Spiel- oder Alkoholsucht?
Reinhard Haller:
Reihenweise. Für jeden Buchstaben im Alphabet lassen sich Süchte finden. Von der Abenteuersucht über die Beziehungssucht, die Esssucht, die Ichsucht, die Kritiksucht, die Onlinesucht, die Sammelsucht, die Streitsucht bis zur Zweifelsucht, um nur einen Teil zu nennen. Es gibt viele Süchte und Zwänge, die sich ganz individuell gestalten. Die Onlinesucht wird meines Erachtens übrigens überschätzt – ich lese immer wieder, dass hier und da von über drei Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, die internetsüchtig seien. Ich würde den Prozentsatz eher auf 0,8 bis maximal 1,2 Prozent schätzen. Mit Sucht ist ja wie gesagt keine rein alltägliche Handlung gemeint, sondern das unstillbare Verlangen danach sowie der unkontrollierte Konsum.

Gibt es eine bestimmte Veranlagung für eine Sucht oder kann es jeden treffen?
Reinhard Haller:
Sucht hat immer viele Ursachen und ist bedingt durch viele Faktoren. Eine bestimmte genetische Disposition ist aber durchaus möglich. Die Alkoholsucht ist beispielsweise stark genetisch determiniert. Gleichzeitig hängt die Sucht immer mit gesellschaftlichen Faktoren zusammen – Kindheitserlebnisse, bestimmte Erinnerungen und Traumen können mitverantwortlich für Süchte sein. Eine gefestigte Persönlichkeit ist natürlich weniger gefährdet als eine labile. Wichtiger als die Frage, ob es eine Person treffen kann, ist meiner Meinung nach die Aussicht, dass man eine Sucht überwinden kann! Ob ich trinke oder nicht, ob ich kiffe oder nicht, das ist und bleibt meine Entscheidung. Das ist eine große Chance – bei welcher Krankheit hat man die sonst schon?

Wie helfen Sie als Psychiater Menschen auf ihrem Weg aus der Sucht?
Reinhard Haller:
Im Gegensatz zu anderen Krankheiten wird die Sucht fast immer verharmlost. „Ich habe doch gar kein Problem“, ist eine typische Aussage von Suchterkrankten, denn sie fühlen sich häufig gar nicht krank und verdrängen ihr Problem. Somit ist der erste Schritt die Erkenntnis. Suchtkranke müssen einsehen, dass sie krank sind. Anschließend gilt es, die Ursachen herauszufinden, die zur Suchterkrankung geführt haben. Die liegen oft tief versteckt und es ist wichtig, hier gründlich vorzugehen. Die Symptome, also die Suchterkrankung und ihre Ausprägungen, sind ja nur die Spitze des Eisbergs. In psychotherapeutischen Gesprächen wird so das angegangen, was letztlich zur Sucht führte. Natürlich müssen aber auch die Suchtfolgen wie beispielsweise Leber- oder Blutbildschäden behandelt werden. Alles in allem ist das große Ziel, dass der Süchtige wieder autonom wird und befähigt wird, das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen. Er muss lernen, mit Problemen auf eine andere Weise als bisher fertig zu werden. Hier sind alle Süchte psychologisch gesehen ziemlich ähnlich.

Gibt es ein Allheilmittel gegen Süchte?
Reinhard Haller:
Man kann Süchte nicht heilen im Sinne von „man schneidet etwas weg“. Wenn der Mensch einmal süchtig ist, bleibt er das auch. Aber er kann lernen, völlig symptomfrei zu leben. Das Allheilmittel, wenn man es so bezeichnen will, liegt insofern in den Betroffenen selbst: Wenn ein Mensch erkennt, dass nur er selbst sein Problem lösen kann und den freien Willen aufbringt, das zu tun, wird er selbst zu seinem besten Arzt.