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Den Absprung geschafft

Er tourt bereits seit einigen Jahren als Armuts-Botschafter durch Salzburger Schulen und Universitäten. Nun zeigt Apropos-Verkäufer Georg Aigner auf drei unterschiedlichen Stadtspaziergängen einen neuen Blick auf Salzburg – und gibt damit viel von seinem Leben preis.

Titelinterview mit Apropos-Verkäufer Georg Aigner
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Wie siehst du das Leben?
Georg Aigner:
Ich bin ein sehr geerdeter Mensch und schaue, dass ich mit den Situationen, wie sie auf mich zukommen, zurechtkomme.

Was bedeutet für dich, weise zu sein?
Georg Aigner:
Das Leben und den Menschen in all seinen Facetten zu verstehen. Das versuche ich schon mein Leben lang – es ist allerdings nicht immer so leicht.

Wann hast du in deinem Leben am radikalsten deine Sichtweise verändert?
Georg Aigner:
Während meiner siebenjährigen Haft haben sich alle Sichtweisen verändert. Ich habe erkannt, dass das, was ich gemacht habe, falsch gewesen ist. Das heißt nicht, dass diejenigen, die draußen sind, alles richtig machen. Wer ist sich schon sicher, dass er immer das Richtige tut. Aber durch das Eingesperrtsein relativiert sich ganz viel. Ich habe zuvor auf der Straße gelebt und hatte nichts, an dem ich mich festhalten konnte: kein Geld, kein Dach über dem Kopf, keine Arbeit, keine tragfähigen Beziehungen und auch keinen stützenden Gedanken. Im Gefängnis
habe ich erkannt, dass das Leben auch anders funktionieren kann – und dass man die Wahl hat. Ich muss ja nicht immer in einer Negativ-Weise bleiben und leben.

Du hast ein bewegtes Leben hinter dir: Du bist angelernter Metzger, hast als Holzfäller im Ausland gearbeitet, warst lange Zeit obdachlos, bist wegen eines Raubüberfalls sieben Jahre im Gefängnis gesessen, hast während der Haft 2.000 Briefe mit Apropos-Verkäuferin Evelyne ausgetauscht und sie danach geheiratet. Seit 2006 verkaufst auch du die Straßenzeitung, schreibst für sie, hast eine eigene AproposRadiosendung bei der Radiofabrik und klärst gemeinsam mit deiner Frau als Apropos-Botschafter in Kindergärten, Schulen, Firmgruppen, Universitäten und an der Pädagogischen Hochschule über Armut und Obdachlosigkeit auf. Was hat dich das Leben bislang am meisten gelehrt?
Georg Aigner:
(denkt nach) Mich hat das Leben gelehrt, dass ich mit mir selbst zurechtkommen muss und kann. Ich habe alle Varianten gesehen, schöne Sachen und traurige. Letztlich geht es darum, mit jeder Situation umzugehen, egal, wie bitter sie auch sein mag. Denn für alles findet sich eine Lösung, auch wenn man das zeitweise nicht glauben kann. Die Lösung kann zwar nur aus einem selbst kommen, aber es hilft sehr, mit anderen Menschen reden zu können. Manchmal braucht es nur die richtigen Fragen, um wieder klarer zu sehen.

Welche Fragen bekommst du am häufigsten gestellt bei deinen Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen?
Georg Aigner:
Seit sechs Jahren toure ich durch Schulen und Hochschulen, pro Jahr sind das 400 bis 600 junge Menschen. (hält inne) Wenn ich das zusammenzähle, waren das bislang an die 3.000. (lächelt) Gar nicht so wenig. Die ersten Male bekam ich viele Frage zu meinem Gefängnisaufenthalt und meiner Obdachlosigkeit. Jetzt baue ich das gleich in meine Erzählungen ein. Ich habe noch nie den Eindruck gehabt, dass irgendjemanden das, was ich erzählt habe, kaltgelassen hätte. Es kommen Dinge zur Sprache, die im Leben jeden irgendwann einmal betreffen. Einige haben in ihrer Verwandtschaft Fälle, wo Armut oder Obdachlosigkeit auch vorkommt. Das gibt allerdings niemand in der Gruppe preis.

Gibt es Fragen, an die du dich besonders erinnern kannst?
Georg Aigner:
Unlängst hat mich eine Schülerin gefragt, wie es mir eigentlich dabei geht, mein Leben mit all seinen Schattenseiten öffentlich zu erzählen. Das hat mich berührt, dass sie sich Gedanken um mich macht.

Wie ist es, fremden Menschen gegenüber sein Leben auszubreiten?
Georg Aigner:
Am Anfang hatte ich schon Hemmungen – auch wenn man mir das so nicht angemerkt hat. Was mich am meisten nervös gemacht hat, war vor allem der Gedanke: Warum soll das überhaupt jemanden interessieren, was ich zu erzählen habe? Mich fasziniert es jedes Mal aufs Neue, dass mir so viele Menschen so gespannt zuhören.
Ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass es für mich gut ist, über mein Leben zu erzählen. Ich komme währenddessen auf viele Dinge drauf, manchmal träume ich nach Vorträgen auch intensiv. Es ist einfach so: Alles, was man laut sagt, verarbeitet man besser. Das ist wie bei den Alkoholikern. Sobald jemand sagt: „Ich bin Alkoholiker“ ist das der halbe Sieg. In diesem Sinne ist jeder, der mir zuhört, ein Therapeut. Je mehr Fragen jemand stellt, umso besser für mich, weil ich selbst noch immer nach Antworten suche. Mich interessiert brennend, wo der Schlüssel genau begraben ist, wie es so weit kommen konnte, dass Alkohol und Aggressivität so viel Platz in meinem Leben eingenommen haben.

Wie geht es dir mittlerweile mit Alkohol und Aggressivität?
Georg Aigner:
Ich trinke seit Jahren nichts mehr und auch die Aggressivität ist weg.

Warum ist die Aggressivität verschwunden?
Georg Aigner:
Durch den Alkohol bin ich aggressiv geworden, da sinkt die Hemmschwelle und man fühlt sich besonders stark. Ich habe deshalb 39 Vorstrafen in meinem früheren Leben bekommen, weil ich
im Rauschzustand Dinge getan habe, die ich nüchtern nie getan hätte. Nach der siebenjährigen Haft hat sich viel für mich verändert. Ich habe meine heutige Frau Evelyne geheiratet, die sieben Jahre lang auf mich gewartet hat und mich dazu gebracht hat, bei der Straßenzeitung anzufangen. Beschäftigung und Partnerschaft bringen einen Sinn im Leben. Dieser bestimmt, wer wir sind und welchen Stellenwert wir haben. Zudem bin ich ein Mensch, der aus seiner Vergangenheit das Gute herauszieht.

Du bietest im Auftrag von Apropos ab September drei soziale Stadtspaziergänge an, die Salzburg aus dem Blickwinkel eines ehemaligen Obdachlosen betrachten. Was ist dir dabei wichtig?
Georg Aigner:
Ich möchte den Menschen vermitteln, wie schnell man abstürzen kann. Es gibt so viele Meinungen über Armut. Eine davon ist, dass man selbst daran schuld ist, wenn man arm wird, und dass Armut und Obdachlosigkeit einen „normalen“ Menschen nie treffen können. Jeder wiegt sich in Sicherheit. Es braucht aber nur eine Krankheit zu kommen, ein Jobverlust oder eine Trennung und schon beginnt das System zu wanken. Außerdem ist es mir wichtig aufzuzeigen, was man als armer Mensch tun kann, um aus dem ganzen Dilemma wieder herauszukommen – wo es Hilfestellungen und Hoffnung gibt.
Die Spaziergänge beruhen auf kompletter Ehrlichkeit und Offenheit. Ich schildere aus meiner Perspektive als ehemaliger Obdachloser, welche Ängste, Nöte, aber auch Strategien einen umtreiben, und stelle Sozialeinrichtungen und Ämter vor, die mir geholfen haben. Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie sich Armut anfühlt – es wird so wenig darüber geredet. Für mich gehören die Stadtspaziergänge im
Prinzip zur Allgemeinbildung.

Du hast die Touren gemeinsam mit Apropos konzipiert. Warum drei Touren und nicht eine?
Georg Aigner:
Jede Tour dauert 90 Minuten. Das ist eine gute Aufmerksamkeitsspanne, das hält jeder aus. Es ist ein Dreiteiler, weil das Thema so breit gefächert ist. In der Tour „Überleben“ geht es nur um Obdachlosigkeit und wie man wieder ins System kommt. Beim „Spurwechsel“ geht es um Einstiegsmöglichkeiten. Die „Schattenwelt“ findet einmal im Monat statt. Es ist eine Abendtour durch die Altstadt, bei der man sieht, wie gespalten unsere Gesellschaft ist. Würde man all das in einen einzigen Stadtspaziergang verpacken und vermitteln wollen, wäre das zu heftig – das kann man in 90 Minuten nicht transportieren. Die Leute sollen gut verdaubare Informationen bekommen und die Möglichkeit zum Nachfragen und zum Nachdenken haben.

Was wünschst du dir, soll den Apropos-Spaziergängerinnen und -Spaziergängern am meisten im Gedächtnis bleiben?
Georg Aigner:
Dass Armut real ist. Jeder Mensch hat seine eigene Realität, gefärbt von Träumen und Wünschen. An der richtigen Realität – von der Armut ein lebendiger Bestandteil ist – läuft jeder vorbei. Ich will Menschen dafür sensibilisieren, wie es einem Menschen in Not geht. Dann fällt es nämlich viel leichter, diesem Hilfe anzubieten.

Wie geht es einem Menschen in Not?
Georg Aigner:
Er hat kein Selbstvertrauen, wenig Hoffnung, keine Aussichten. Bei mir hat es lange gedauert, Hilfe überhaupt anzunehmen. Viele Menschen wollen nicht wahrhaben und preisgeben, wie schlecht es ihnen geht.

Du erzählst bei den Touren davon, wie es sich als armer Mensch in Salzburg überleben lässt, wo man Hilfe findet und welche Überlebensstrategien hilfreich sind. Was hilft einem Menschen in Not am meisten?
Georg Aigner:
Am meisten helfen der Bahnhofssozialdienst, Notschlafstellen und Klöster – Orte, wo man einen Platz zum Übernachten oder etwas zu essen bekommt. Aber auch die positiven Gespräche, wenn man es geschafft hat, eine Sozialeinrichtung aufzusuchen – da entsteht wieder Hoffnung, auch wenn man sie verloren hat. Das Gefühl, wieder eine Aussicht zu haben. Das braucht man. Ohne diese passiert überhaupt
nichts. Du wirst in den Einrichtungen wie ein Mensch behandelt und nicht wie der letzte Schluck Wasser. Ein Armer will von dir nicht hören, dass er arm ist. Das weiß er eh. Er will Positives in jeder Hinsicht hören. Wer Neues hört, entdeckt auch Neues in sich selbst.

Wenn du auf deine Zeit nach der Haft zurückblickst: Was hat dir am meisten dabei geholfen, im Leben wieder Fuß zu fassen?
Georg Aigner:
Die Straßenzeitung Apropos und meine Frau Evelyne. Ich habe viel ausprobieren dürfen bei Apropos: Radio machen, Vorträge halten, Texte schreiben, Zeitungen verkaufen. Nach meiner Haft wollte mich kein Arbeitgeber haben. Zudem ging und geht es mir gesundheitlich nicht gut. Bei Apropos habe ich eine Aufgabe und ich bin Teil einer Gemeinschaft. Viele Menschen wünschen sich, nicht arbeiten zu müssen. Alles haben und nichts tun. Dabei würde man auf Dauer davon krank werden.

Was bedeutet dir die Straßenzeitung Apropos?
Georg Aigner:
Leben! Ich bin bei Apropos als Verkäufer weit gekommen. Da ist richtig viel passiert in den vergangenen elf Jahren, seitdem ich dabei bin – und das obwohl es für mich eine große Überwindung war, die Straßenzeitung überhaupt zu verkaufen. Meine Frau verkauft die Zeitung bereits seit 1999 und hat mich dazu überredet, es zu probieren. Wenn man auf der Straße steht mit der Zeitung, bedeutet das, dass dich die anderen als armen Menschen wahrnehmen. Ich bin aber ein stolzer Mensch. Dennoch habe ich den Schritt gewagt – und habe den bis heute nicht bereut. Die Stadtspaziergänge sind das Größte, was mir bei Apropos bislang passiert ist. Wenn man bedenkt, dass ich nur einen Sonderschul-Abschluss habe, bin ich voll stolz auf meine Straßenzeitungs-Karriere. Für jemand anderen mag das keine Bedeutung haben – für den hat vielleicht ein Mercedes Bedeutung. Aber für mich hat es Bedeutung. Denn es ist mein Leben.

Die Salzburger Straßenzeitung wird im Dezember 20 Jahre alt. Die Apropos-Stadtspaziergänge sind neben der Zeitung ein weiteres Projekt, Armut in Salzburg sichtbar zu machen. Wenn die Armut eine Gestalt wäre – wie würde sie ausschauen?
Georg Aigner:
Es ist eine Gestalt mit vielen Gesichtern – denn für jeden sieht sie anders aus. Ein Schüler fühlt sich schon arm, wenn man ihm das Handy wegnimmt.

Welches Gesicht hat sie für dich?
Georg Aigner:
Immer zwei. Denn der Arme weiß nicht, wie er sich helfen kann. Und die Leute wissen nicht, wie sie auf einen Armen zugehen sollen.

Welchen Rat hast du für Menschen, wie sie am besten auf arme Menschen zugehen?
Georg Aigner:
Ruhig, freundlich und mit Respekt. Man muss ihn nicht spüren lassen, dass er eine arme Haut ist. Wir machen oft den Fehler, dass wir nur Menschen respektieren, die viele Güter haben. Aber warum eigentlich? Ist er deshalb der bessere Mensch?

Was hat dir geholfen, deinen Seelenfrieden zu finden?
Georg Aigner:
Indem ich in Vorträgen und auf den Stadtspaziergängen meine Geschichte erzählen darf, hilft mir das, mir meine Vergangenheit bewusster zu machen. Je mehr Fragen kommen, umso besser. Der Mensch neigt dazu, vieles zu verdrängen und im Hinterkammerl zu speichern – im Alter kommt das dann hoch. Ich will das lieber jetzt machen. Ich erzähle von einem Lebensabschnitt, der fürmich Vergangenheit ist – und als solcher ein Teil von mir ist. Aus allem Negativen habe ich viel gelernt, denn das Negative ist nicht nur negativ. Es war eine Erfahrung, die ich jetzt mitteilen kann. Ein Betroffener kann von den Dingen nur reden, weil es ihm so ergangen ist.

Was wünschst du dir vom Leben?
Georg Aigner:
Ich bin mit mir im Ausgleich. Das war zwar ein langer Weg, aber jetzt bin ich da, wo ich sein will – und das spüren die Menschen, dass ich mit mir im Reinen bin. Das ist das Beste im Leben, was dir passieren kann.